Helmut Naujoks – seine Opfer (Teil 1)

Helmut Naujoks Der Fertigmacher

MOBBING Wenn es gegen Gewerkschaften und Betriebsräte geht, greift der Duisburger Anwalt Helmut Naujoks zu rüden Methoden. Opfer und deren Anwälte erheben massive Vorwürfe.

Rita Regenfelder

Rita Regenfelder

Rita Regenfelder nimmt die Brille ab, legt sie vor sich auf den Tisch, rückt im Sessel ganz weit nach vorne. Sie steht noch immer unter Spannung, wenn sie über diese Zeit spricht. Dann sprudelt es aus ihr heraus, so schnell, dass sie kaum zu verstehen ist mit ihrem schwäbischen Akzent. Es dreht sich um zweieinhalb Jahre, die ihre Spuren hinterlassen haben.

Ludwigsburg, im März 2003. Regenfelder ist stellvertretende Betriebsratsvorsitzende bei der Kabel BW GmbH & Co. KG, einer Firma, die 1999 aus der Telekom hervorgegangen ist und Breitband-Kabelnetze in ganz Baden-Württemberg anbietet. Der Laden brummt, alle Zeichen stehen auf Expansion. Eines Tages wird eine Betriebsversammlung einberufen, auf der sich der neue Geschäftsführer Thomas Herzog* vorstellen will.

Ein paar Minuten bevor es losgeht, erfährt er, dass auch eine Vertreterin der Gewerkschaft ver.di zur Betriebsversammlung in das Unternehmen gekommen ist. „Die hat hier nichts zu suchen„, sagt er trocken, „in meinen Unternehmen gibt es keine Gewerkschaft.“ – „Wir waren sprachlos und haben das zunächst für einen Scherz gehalten“, erklärt Rita Regenfelder vier Jahre später immer noch verblüfft.

Wie ernst es Herzog meinte, wurde allen Anwesenden schnell klar, als darüber abgestimmt wurde, ob die ver.di-Vertreterin bleiben durfte. Das Ergebnis: Sie durfte, ergriff aber nun nicht mehr das Wort. Ein erster Teilerfolg für Herzog. Was damals niemand ahnte: Es war erst der Beginn eines persönlichen, schmutzigen Kampfes gegen einzelne Mitglieder des Betriebsrates – eines Kampfes, der zweieinhalb Jahre dauerte. Bald forderte Herzog den Betriebsrat auf, sich von der Gewerkschaft ver.di loszusagen.

Als dieser sich weigerte, ging die neue Geschäftsführung auf Konfliktkurs – zunächst gegen den Vorsitzenden Roland Renger. Als ein drittes freigestelltes Betriebsratsmitglied schon nach wenigen Monaten sein Mandat ruhen ließ, weil es dem sich zuspitzenden Konflikt nicht gewachsen war, geriet auch Regenfelder ins Visier, weil sie weiter zu Renger hielt. Hat sie daran gedacht, einfach aufzugeben? „Für mich war das kein Thema“, sagt Regenfelder, „ich habe zu Renger gestanden – weshalb ich dann auch in den Fokus geraten bin.“

EINE FLUT VON ÜBER 100 VERFAHREN

Was folgte, waren Abmahnungen, Amtsenthebungsverfahren aus nichtigen Gründen, die Konfiszierung der Laptops, Vorwürfe wegen Spesenbetrug, wegen Weitergabe vertraulicher Inhalte, Verletzung arbeitsvertraglicher Pflichten und so weiter. Schließlich die Kündigungen. Am Ende summierten sich die Gerichtsverfahren zwischen Betriebsrat und Arbeitgeber auf mehr als 100 – viele richteten sich direkt gegen Roland Renger und Rita Regenfelder.

Die Anschuldigungen waren inhaltlich haltlos – aber darum ging es nicht. „Die Gegenseite hatte rechtlich nichts in der Hand“, erklärt der Karlsruher Arbeitsrechtler Hans Löffler, der die Betriebsräte während der gesamten Zeit vertreten hat. „Renger und Regenfelder wurden psychisch gebrochen.

Höhepunkt der Kampagne gegen den Betriebsrat Renger war eine Schadenersatzklage – über satte 1,377 Millionen Euro. In einem Interview mit dem Südwestrundfunk hatte der Betriebsratsvorsitzende zuvor zu den bevorstehenden Tarifverhandlungen bei Kabel BW Stellung bezogen – BW-Geschäftsführer Herzog, vertreten durch Anwalt Naujoks, sah darin eine Rufschädigung, die die Kabel BW viele Kunden gekostet habe.

Mit dem Klageverfahren kam der Arbeitgeber nicht durch – doch bis dahin hatte Naujoks für Unruhe gesorgt. Denn solche finanziellen Forderungen, die die Existenz gefährden, bleiben nicht in den Kleidern hängen. Anwalt Löffler beschreibt die Folgen so: „Auch wenn es nach rationalen Abwägungen keinen Zweifel gab, dass wir sämtliche Prozesse gewinnen würden, so lastete doch der Druck persönlich auf den Betriebsräten.“

DAS IMMER GLEICHE DREHBUCH

All das – von den Abmahnungen bis zur Schadenersatzklage in Millionenhöhe – erscheint als Teil eines immer gleichen Drehbuchs. Der Autor: der Duisburger Arbeitsrechtler Helmut Naujoks, der sich auf seiner Internetseite damit brüstet, „ausschließlich Arbeitgeber“ zu beraten und anwaltlich zu vertreten.

In seinem Ratgeber „Kündigung von Unkündbaren„, erschienen im Düsseldorfer Management & Karriere Verlag, gibt er Tipps, wie Unternehmen Betriebsräte, Langzeitkranke, Schwerbehinderte, ältere und langjährig Beschäftigte, aber auch „Querulanten, Blaumacher, Faulenzer, Arbeitsverweigerer“ loswerden können.

Christina Frank, ver.di-Sekretärin im Bezirk Baden-Württemberg, kennt das Werk. Sie beschäftigt sich seit geraumer Zeit mit Naujoks-Opfern, hat Betriebsräte begleitet und beraten, die auf der Abschussliste ihrer Chefs standen. Und in den meisten Fällen am Ende, psychisch erschöpft und krank, tatsächlich aufgegeben haben. Ihr Urteil über das Naujoks-Buch: „Es kann als Leitfaden für Psychoterror und Mobbing von Mitarbeitern benutzt werden“, sagt sie, „bis diese krank werden und einer Vertragsauflösung zustimmen.“

SAMSTAGSPOST UND ANONYME ANRUFE

Die Naujoks-Strategie ist geeignet, das Selbstwertgefühl des Betroffenen zu beschädigen. Er wird privat und beruflich isoliert und stigmatisiert. Begleitend wird er massiv mit arbeitsrechtlichen Maßnahmen traktiert. In den bisher bekannt gewordenen Fällen richtet sich die Strategie gegen Betriebsräte – wie bei Kabel BW. „Am Anfang wird der Betriebsrat aufgefordert, sich von der Gewerkschaft zu distanzieren. Geschieht das nicht, schaltet die Geschäftsführung um auf einen Konfliktkurs“, so die ver.di-Frau Christina Frank.

Bei der Kabel BW gelang es der Geschäftsführung so schon nach wenigen Monaten, den 13-köpfigen Betriebsrat zu sprengen: Ein Betriebsratsmitglied wechselte auf der Seite des Arbeitgebers in eine Führungsposition und beschwerte sich anschließend über die Amtsführung des Betriebsratsvorsitzenden. War der Aufstieg eine Belohnung für Wohlverhalten? Zahlreiche Mitarbeiter unterschrieben zudem bei einer Unterschriftenaktion zur Abwahl des Vorsitzenden.

Die Strategie ist immer die gleiche: Nachdem Gewerkschaften der Zutritt zum Unternehmen verwehrt und ein Keil zwischen den Betriebsrat und die Belegschaft getrieben worden ist, werden in einem weiteren Schritt Informationen über die Betriebsratsmitglieder gesammelt. Parallel wird akribisch nach Fehlern gesucht, die arbeitsrechtlich verfolgt werden können.

Briefe und Abmahnungen werden dabei privat und per Einschreiben zugestellt, bevorzugt am Freitag oder Samstag, damit das Wochenende seinen Erholungswert verliert. Termine für Reaktionen und Stellungnahmen werden in kurzen Abständen gesetzt, das Tempo und der Druck auf den Betroffenen somit erhöht.

In einigen Fällen hätten sich Betriebsratsmitglieder sogar beschattet gefühlt, berichtet ver.di-Sekretärin Christina Frank. Andere berichten von anonymen Anrufen zu unpässlichen Zeiten. Ein Zusammenhang zu Naujoks konnte jedoch nie nachgewiesen werden.

Zurück zu Kabel BW: Als Rechtsanwalt Hans Löffler und ver.di im Oktober 2005 mit Naujoks und der Geschäftsführung über Aufhebungsverträge für Roland Renger und Rita Regenfelder verhandelten, waren deren gesundheitliche Probleme erheblich: Beide litten unter Schlafstörungen, Schwitzanfällen, Wirbelsäulenblockaden, Depressionen, Renger zudem unter Bluthochdruck, chronischen Kopfschmerzen und dem Burn-out-Syndrom.

Bei Regenfelder traten die Wechseljahre vorzeitig ein. Die beiden bemerkten, dass sich auch ihr Privatleben veränderte und alte Kontakte abbrachen. Regenfelder beobachtete einen „Rückzug in mich selbst“ und eine zunehmende Isolation: „Du kannst nicht abschalten. Ständig denkst du nach, wo du Fehler gemacht hast, wo sie dich packen können. Und du hast am Ende nur noch ein Thema, über das du sprichst und um das sich alles dreht.“

ALS EXPERTE IN DER WIRTSCHAFTSWOCHE

Am Kaiserberg, direkt neben dem Duisburger Zoo, einer für das Ruhrgebiet feinen Gegend, residiert Rechtsanwalt Naujoks. Der Bitte um einen Rückruf kommt er nicht nach. Mit Journalisten spricht er offenbar nicht gern – es sei denn, sie stammen von unternehmerfreundlichen Magazinen. Dann gibt er auch mal Ratschläge, wie man sich als Arbeitgeber von „schwer kündbaren Minderleistern“ trennt – so in der Wirtschaftswoche vom 24. Juli 2006 (Zitat: „Der Arbeitgeber geht mit aller Härte vor.“)

Naujoks hat sich für seine Webseite mit Einstecktuch und streng zurückgekämmten Haaren fotografieren lassen. Er ist 40 Jahre alt, groß und massig. Schon früh habe Naujoks eine Abneigung gegen alles Linke offenbart, berichten ehemalige Kollegen eines lokalen Radiosenders in Nordrhein-Westfalen, bei dem Naujoks zu Studentenzeiten als Reporter und Moderator jobbte. Sie beschreiben ihn als verlässlich, aber auch als eigenbrötlerisch und konfliktscheu. Wie passt das zu dem Mann, der als Berater heute Konflikte in den Unternehmen schürt?

„Sehr gut“, findet Gewerkschafterin Christina Frank, die sich intensiv mit Naujoks beschäftigt und plant, ein Schwarzbuch über seine Praktiken herauszugeben. „Er zieht immer nur im Hintergrund die Fäden. In der Öffentlichkeit, wie zum Beispiel in Gerichtsverhandlungen, gibt er sich unangreifbar und aalglatt.“ Frank rät allen Betroffenen, die Hinweise dafür finden, dass Naujoks hinter den Kulissen agiert, sofort die Gewerkschaft einzuschalten und an die Öffentlichkeit zu gehen.

Die Ausgangslage ist oft die gleiche: Ein neuer Chef hat angefangen, der persönliche Führungsprobleme hat und schnell den Machtkampf mit dem Betriebsrat sucht. Frank: „Driftet dieser Konflikt auf die persönliche Ebene ab und ist er auf Eskalation angelegt, so kann es sein, dass Naujoks die Finger im Spiel hat.“ Für besonders anfällig hält Arbeitsrechtler Löffler Unternehmen, die nur auf schnelle Rendite aus sind und denen das Betriebsklima egal ist.

Der Konflikt bei Kabel BW hat letztlich nur einen Sieger hervorgebracht: Helmut Naujoks. Der Strippenzieher hat als Belohnung für sein Mandat ein hohes Honorar erhalten. Das Unternehmen kommt seitdem nicht zur Ruhe, die Fluktuation auf der zweiten und dritten Führungsebene ist hoch, es wird kräftig durchgewechselt. Thomas Herzog, der Geschäftsführer, konnte sich nicht lange in dieser Position halten. Er steht zurzeit selbst ohne Job da.

Der ehemalige Betriebsratsvorsitzende Roland Renger wird zum wiederholten Male in einer psychotherapeutischen Einrichtung betreut. Seine Stellvertreterin Rita Regenfelder ist bei der Telekom-Beschäftigungsgesellschaft Vivento untergekommen. Aber sie hat sich ein neues Ziel gesetzt: Sobald sie die Folgen des jahrelangen Mobbings verarbeitet hat, will sie ihre Erfahrungen an andere weitergeben. Sie absolviert zurzeit eine Weiterbildung zur Mediatorin.

* Name von der Redaktion geändert

Quelle:Magazin Mitbestimmung 10+11/2007 http://www.boeckler.de/163_89432.html

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